Fakten

Das Südostanatolische Staudammprojekt (GAP)

Das Länderdreieck Türkei, Syrien, Irak. 

Die biblischen Ströme Euphrat und Tigris sind grenzübergreifende Flüsse. Ihre Quellen haben sie im Anatolischen Hochland, im Osten der Türkei. Der Euphrat fließt durch den türkischen Südosten bzw. Kurdistan, durchquert Syrien und den Irak bevor er zusammen mit dem Tigris, der den Irak von Norden nach Süden durchquert hat, in den Persischen Golf mündet. Für Syrien und den Irak sind die beiden Flüsse die wichtigsten Wasserressourcen zur Stromerzeugung, Bewässerung und Trinkwasser-versorgung. Hier wurden auch die ersten Staudämme errichtet

Vor ca.30 Jahren begann die Türkei eines der größten Wasserkraft -und Bewäs-serungsprojekte der Welt am Oberlauf der beiden Flüsse zu realisieren. Der Atatürkstaudamm am Euphrat ist das Herzstück des 40 Staudämme umfassenden Megaprojektes an den Haupt-und Nebenflüssen von Euphrat und Tigris. Der Atatürkstaudamm wurde nach dem Keban und dem Karakaya gebaut. Es folgten der Birecik und direkt an der syrischen Grenze der Karkamis. Am Tigris entstanden parallel weitere Stauprojekte. An der Grenze zu Syrien und Irak  soll das Projekt mit dem Ilisukraftwerk vollendet werden. Der offizielle Masterplan sieht vor, 1,7 Mio. Hektar Land für eine exportorientierte Landwirtschaft zu bewässern, unabhängig von ausländischen Stromimporten zu werden bzw. eine bis dato völlig vernachlässigte Region, hauptsächlich bewohnt von Kurden und Arabern, in eine industrielle Moderne zu katapultieren. 

Kemal Atatürk, der legendäre Staatsgründer, entwickelte die Idee vom „See der Menschlichkeit“. Geburtshelfer und Vater des GAP ist Süleyman Demirel, der knapp 40 Jahre lang als Minister- und Staatspräsident der mächtigste Politiker der Türkei  war. „ Dieses wunderbare Projekt am Euphrat wird für den Wohlstand und die Glückseligkeit  in der Türkei sehr viel beitragen.“

Die GAP-Stauämme wurden in einer Zeit errichtet, als in dieser Region ein unerbittlicher Krieg gegen die kurdische PKK geführt wurde.

Als letzter wichtiger Baustein am Euphrat wurde 2001 der Birecikstaudamm in Betrieb genommen. Gebaut und finanziert von einem internationalen Konsortium unter der Leitung der deutschen Philipp Holzmann AG. 15 Jahre lang werden den Investoren feste Einnahmen aus der Energieproduktion garantiert. Finanzielle Risiken sind durch Exportbürgschaften der deutschen, französischen, oesterreichischen und Schweizer Regierungen abgesichert. 

1. Unzureichende Entschädigung der Bevölkerung

Die  Kosten für Enteignung und Umsiedlung der betroffenen Anwohner sollte der türkische Staat übernehmen. Für den Birecikstaudamm wurden zwischen 1998 und 2000 nach und nach 47 Dörfer und  Kleinstädte geflutet; 30.000 Menschen aus ihren angestammten Siedlungsplätzen vertrieben. Die überwiegend kurdischen Dorfgemeinden aufgelöst, viele Familien getrennt. Seit Jahrhunderten hatten die Menschen in dieser von der Moderne abgeschnittenen Region gelebt, auf sich allein gestellt, im Einklang mit der Natur. Hier gediehen Aprikosen, Pflaumen, Feigen,  Nüsse, Pistazien, Oliven und verschiedene Getreidesorten auf fruchtbarer Erde. Die Ernte wurde verkauft bzw. für den Eigenbedarf genutzt. Die Entschädigungs-zahlungen bezogen sich aber nicht auf den Erwerbsausfall, sondern allein auf die Grundstücksgröße, die im Katasteramt eingetragen war. Bei der Entschädigungs-beantragung erwartete dann viele Familien eine schreckliche Überraschung: Das Land, auf dem sie seit Generationen ackerten war gar nicht auf ihren Namen eingetragen, sondern gehörte irgendwelchen Großgrundbesitzern, die sie bis dato niemals gesehen hatten.

Bei Anderen fiel die Schätzung des Grundstückes zu gering aus. „ Keiner hat mehr als 3.100 Euro Entschädigung bekommen. Es gab hier Häuser mit großen Grundstücken, 1000qm und mehr– dafür gab’s dann 950 Euro, manchmal sogar nur 560 Euro.“

In unzähligen Gerichtsverhandlungen fanden Neubewertungen der  betroffenen Ländereien statt und eine gerechtere Kompensationseinstufung – aber die türkische Regierung zahlte einfach nicht.

Auch wurden die Auszahlung der Entschädigungen nicht wie von der türkischen Regierung versprochen VOR der Flutung des Tales und im vollen Umfange überwiesen. Ganze Dörfer hat das ins Elend gestürzt, denn die Bewohner hatten ihre Häuser noch nicht verlassen, als schon die Wasserfluten über ihre Schwellen schwappten.

Die erste Rate der staatlichen Entschädigung hatten die meisten dann  schon nach vier Monaten ausgegeben. Auf die zweite und dritte Rate warten viele noch heute und wahrscheinlich noch lange. Sechmus, Anwalt in Urfa vertritt viele durch den Atatürkstaudamm Vertriebene, die bislang kaum Entschädigung erhalten haben  - also seit 15 Jahren.

Gar nicht entschädigt wurden Besitzer von Häusern am Rand des Stausees, die nicht geflutet wurden, obwohl niemand mehr dort wohnen kann bzw. die Grundfeste der Bauten mit der Zeit durchweichen und die Mauern langsam absacken.

Die neuen Siedlungsplätze liegen hoch oben auf den kahlen Felsen des ehemaligen

Euphrattales, wo keine Landwirtschaft oder andere Erwerbszweige möglich sind. Die vormalig selbstständigen Fischer und Bauern müssen sich jetzt als Saisonarbeiter auf den Plantagen der Großgrundbesitzer verdingen, die durch Staudamm und bessere Bewässerung ihrer Ländereien die unmittelbaren Gewinner sind.

Vergrößerte Armut, rapides Absinken des Lebensstandards, 70% Arbeitslosigkeit, ein Leben ohne funktionstüchtige sanitäre Anlagen oder regulärem Zugang zu frischem Trinkwasser sind Konsequenzen, die bisher jeden Staudammbau begleitet haben. In allen Häusern auf den Berggipfeln sitzt  tiefe Verzweiflung über die Perspektiv-losigkeit dieser Situation.

Deshalb suchen andere Vertriebene in größeren Städten der Region ihr Glück. Also an Orten, wo es schon seit Beginn des Krieges gegen die PKK zu viele Menschen, aber zu wenig Unterkünfte und Arbeit gibt. In bäuerlichen Traditionen aufgewachsen, als ungelernte Landarbeiter und zumeist Analphabeten haben die Staudamm-vertriebenen wenig Chancen. Die Frauen schälen 10 Std. am Tag in Heimarbeit Pistazien und die Kinder gehen Schuhe putzen – das sind oft die einzigen Einkommensquellen.

Ob Batman, Diyarbakir, Sanliurfa oder Gaziantep -  überall vergrößert sich der Ring der Gececondas. Die Bürgermeister dieser Städte fürchten deshalb jedes neue Staudamm-Projekt.  

2. Falsche Bewässerungsmethoden



a ) mit Konsequenzen für die Natur
 

Große Hoffnungen wurden geweckt, als  der 26 Kilometer lange Sanliurfa-Tunnel eröffnet wurde. Seither kann Wasser vom Atatürkstaudamm bis in die Harranebene geleitet werden - eine zwar fruchtbare aber extrem dürre Region, die bis an die Grenze zu Syrien reicht. Mit diesem Wasser soll hier der Garten Eden entstehen.

Mustafa H.Aydoğdu, Regionaldirektor, GAP-Verwaltung Urfa

„Allein durch die Bewässerung werden die landwirtschaftlichen Erträge um 445 % anwachsen, die Erträge pro Hektar um 209%. Für 3, 800.000 Millionen Menschen werden wir Arbeitsplätze schaffen.“

Vor der künstlichen Bewässerung wurden hier wassergenügsames Getreide, Linsen und Kichererbsen für den heimischen Bedarf angebaut. Große Einnahme-steigerungen waren damit nicht zu erzielen. Deshalb zahlt der Staat Prämien für den Anbau von Baumwolle, einer Produktion für den Export. Mittlerweile wird auf 90% der gesamten bewässerten Fläche Baumwolle angebaut.  Die hier praktizierte offene Kanal-Bewässerung führt aber zu einer zunehmenden Versalzung des Bodens. Bei den extrem hohen Temperaturen verdunstet ein Großteil des Wassers und zurück bleibt das Salz. Schon heute betrifft das ca. ein Sechstel der bewässerten Fläche. Wenn sich diese Praxis nicht ändert – z.B. durch Tropfenbewässerung oder den weniger durstiger Agrarprodukte - sind die Ackerböden der Harranebene in ca.15 Jahren versalzen.

Bei offener Kanalbewässerung verdunsten in diesen ariden Gebieten ca. 60% des Wassers, bei der Tropfenbewässerung  kommen 90% des Wasser der Pflanze zugute. Tropfenbewässerung ist aber kostspielig, weil Arbeitskräfte intensiv. Obwohl es der türkischen Regierung nicht an Erfahrung fehlte – in einem  der größten Anbaugebiete, der Sucurowaebene, wurden mit immensem Finanzaufwand die versalzten Böden wieder reaktiviert – gingen sie in der Harranebene nicht anders vor. Ein schnell sichtbarer Erfolg des Projektes war der damaligen Ministerpräsidentin Tansu Çiller weit wichtiger. Das hat sie gemeinsam mit vielen UmweltignoranTinnen der Welt, denn 70% des weltweit verfügbaren Süßwassers wird in die Landwirtschaft gepumpt.

In der Ebene unweit der syrischen Grenze leben vor allem Kurden und Araber. Die große Mehrheit sind Landlose, die sich als Saisonarbeiter oder Pächter verdingen. Von Mai bis Oktober leben und arbeiten sie mit der ganzen Familie auf dem gepachteten Feld . Am Ende erhalten sie 30-40% des Ernteertrages, von dem ihnen seit einiger Zeit aber kaum noch etwas übrig bleibt. Denn durch die riesigen Wasseroberflächen der Stauseen und des bewässerten Landes hat sich merklich die Luftfeuchtigkeit erhöht - was von den zuständigen staatlichen Behörden auch nicht abgestritten wird - mit katastrophalen Folgen für Natur und Mensch. Der Vorsitzender der Landwirtschaftsingenieurskammer in Urfa: „ Früher floss der Euphrat in einem engen Bett nach Syrien. Nach der Stauung ist er der drittgrößte See in der Türkei. Durch die damit verbundene Verdunstung haben sich die Pflanzenkrankheiten ausgebreitet und das beeinflusst die Erträge. In der Harranebene gibt es jetzt alles, was wir schon von anderen bewässerten Gebieten kennen – alles von der weißen Fliege über die rosa Raupe, die grüne Raupe, die stachelige Raupe, bis zu Tripsin.“

Im verstärkten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sehen die Bauern die einzige Möglichkeit der neuen Bedrohung zu begegnen. Was allerdings ihren Verdienst erheblich schmälert und das versickernde Drainagewasser Grundwasser und Flüsse verseucht. 



b ) mit Konsequenzen für den Menschen

Dr.Ethem Şahin ist praktischer Arzt und Vorsitzender der Gesundheitsgewerkschaft. Er arbeitet in der Regionshauptstadt Urfa. Seit den Staudammbauten registriert er die Entstehung von Krankheiten, die es früher in dieser Region nicht gab. Wie z.B. Malarija und Bilharziose, eine gefährliche Wurmkrankheit und typisch für bewässerte Gebiete. Epidemische Ausbreitung dieser Krankheit gibt es z.B. seit vielen Jahren  in Syrien entlang des Euphrats und besonders in Ägypten entlang des Nils. Durch unzureichende hygienische  Verhältnisse gelangen die Erreger über die Abwässer in den allgemeinen Wasser- und Ernährungskreislauf. Eine tickende Zeitbombe, wenn nicht rechtzeitig notwendige Untersuchungen und Medikamentierungen vorge-nommen werden. 2002/2003 finden sich im Trinkwasser eine hoher Messwert von Salmonellen, Typhus und Paratyphuserreger. Auch Erreger von Ruhr, von blutigem Durchfall. 90% der Krankheitsfälle haben ihre Ursache in der schlechten Wasser-qualität. Im Einzugsbereich seiner Klinik liegt die Kindersterblichkeit bei ca.15%. 

Die aufgezählten Folgen kommen nicht etwa überraschend für die Behörden, sondern wurden schon bei der Erstellung des Masterplanes zum GAP – Projekt ausgeführt wie auch deren Bekämpfung mittels Spezialkliniken für Tropen-krankheiten. Allerdings wird man erst dann zur Lösung dieser Fragen schreiten, wenn auch der letzte Staudamm, der Ilisustaudamm am Tigris, fertiggestellt ist – ca. 2013......! Denn dann beginnt die Phase für Kultur und Soziales laut Mustafa H.Aydoğdu, Regionaldirektor der GAP-Verwaltung in Urfa. 

Wurden die GAP-Stauseen wirklich für die Menschen in dieser Region gebaut?

Eser Karakaz, Ökonomieprofessor der Bahçeşehir Universität in Istanbul vertritt die Ansicht, dass die Investitionen des GAP allein politisch motiviert waren. Man wollte die wichtigsten Wasserquellen Iraks und Syriens in die Hände bekommen.

Als politisches bzw. militärisches Druckmittel?  

3. Nichteinhaltung der internationalen Vereinbarungen zu grenzübergreifender Flüssen

 

Nach internationalem Recht sind die detaillierte Vorhab-Information und Konsultation flussabwärts gelegener Staaten aber grundlegende Prinzipien für Projekte an grenzüberschreitenden Flüssen. Sie sind als festes Gewohnheitsrecht zu betrachten, das sich in einer Vielzahl von Verträgen, einschließlich Abkommen zwischen der Türkei und ihren Nachbarstaaten, widerspiegelt. Sowohl in der ESPOO-Konvention über Umweltverträglichkeitsprüfungen in grenzüberschreitendem Kontext als auch in der UN-Konvention über die nicht-schiffbare Nutzung grenzüberschreitender Wasserwege sowie in Urteilen des Internationalen Gerichtshofes und dem bilateralen Freundschaftsvertrag zwischen der Türkei und dem Irak von 1946 wurden diese Prinzipien weiter kodifiziert. Auch die Weltbank-Richtlinien, die als internationaler Standard, den die Türkei anzuwenden versprochen hat, anzusehen sind, beinhalten diese Prinzipien.

Ein weiteres Prinzip bei der Regelung internationaler Flüsse ist das der gleichberechtigten Nutzung durch alle Anrainer. Dies wurde vom Internationalen Gerichtshof z. B. 1997 in einem Schiedsspruch bekräftigt. Verschiedene Äußerungen von offizieller türkischer Seite zeigen jedoch, dass die Türkei den Alleinanspruch auf die Quellen des Euphrat und Tigris erhebt. So erklärte Staatspräsident Demirel z. B.: "Mit dem Wasser ist es wie mit dem Öl. Wer an der Quelle des Wassers sitzt, hat ein Recht darauf, das ihm niemand streitig machen kann."

Mit Konsequenzen für Syrien

Während des Golfkriegs von 1991 reduzierte die Türkei z. B. den Wasserzufluss zum Irak. Wiederholt drohte die Türkei Syrien mit dem Stauen des Wassers, bzw. setzte Verhandlungen über die Höhe der Durchflussmengen aus, sollte Syrien der PKK weiterhin Zuflucht gewähren. Dies hat mehrfach kriegerische Auseinandersetzungen zwischen der Türkei und Syrien in greifbare Nähe gerückt. Auch wenn die Türkei eine Mindestmenge Wasser in die Nachbarländer zusichert, ist nicht auszuschließen, dass sie im Konfliktfall auf das Erpressungspotential des Staudamms zurückgreift.

Vor dem Bau des Birecikstaudammes habe  Syrien als auch der Irak Protestschreiben an die beteiligten Firmen geschickt. Dennohne das Wasser des Euphrat kann Syrien nicht leben. Im Vergleich zur Türkei ist es ein extrem wasserarmes  Land. Was in der türkischen Harranebene als niedrigste Niederschlagsmenge gilt,  ist nur ein paar Kilometer weiter südlich hinter der türkisch – syrischen Grenze die höchste. Seit die türkischen Staudämme errichtet wurden, hat Syrien schon knapp die Hälfte des Euphratwassers eingebüßt,. Für die Durchfluss-menge auf diesem Niveau, gibt es zwar eine quantitative Zusicherung der Türkei, aber nur als Jahresdurchschnitt. Gerade  im Sommer, wenn der türkische Südosten bewässert wird, bekommt Syrien zu wenig, um die eigenen Felder ausreichend zu bewässern.

Der Euphrat versorgt  die Hälfte der Bevölkerung mit Trinkwasser.  Die bewässerten Äcker längs des Flusses sind das Kernstück der syrischen Landwirtschaft. Hier wachsen Mais, Weizen, Gerste und sogar Reis und die extrem durstige Baumwolle.  Da Syrien auch auf Export setzt, sollen künftig die Anbauflächen auf das Doppelte ausgeweitet werden. Doch schon jetzt sind die syrischen Bewässerungsprojekte am Euphrat gefährdet.  Wenn zuwenig Wasser aus der Türkei kommt -  liegen die Pumpen trocken. Die Flüsse, die aus der Türkei nach Syrien fließen, sind stark belastet.  In ihnen sammeltsich das Drainagewasser der türkischen Harranebene sowie städtische und industrielle Abwässer. Den syrischen Bauern bleibt nichts anderes übrig als das verseuchte und salzige  Drainagewasser auf ihre Felder zu pumpen mit der Konsequenz, dass die angebauten Pflanzen verkümmern. Wenn dieses salzige Wasser weiterhin über mehrere Jahre benutzt wird, ist der Boden nicht mehr anbaufähig.

Das Salz auf syrischen Feldern kommt jedoch nicht nur aus der türkischen Harran-ebene. Seit alters her ist die Landwirtschaft hier auf künstliche Bewässerung angewiesen. Schon vor Christi Geburt kannte man den Beruf des Salzkehrers.

Auch hier wird die offene Kanalbewässerung praktiziert, was dazu geführt hat, dass heute schon 22% der Böden versalzen sind. Da aber kaum andere Böden kultiviert werden können, wird das Salz mit viel Wasser aus der Erde herausgewaschen und in den Euphrat zurückgeleitet  zum nächsten Nachbarn flussabwärts,  in den Irak.

Aber der Grundwasserspiegel ist in Syrien dramatisch abgesunken. Seit  kurzem wird der Bau von „wilden“ Brunnen strafrechtlich streng verfolgt. Wer eine Quelle auf eigenem Grund besitzt, darf das Wasser zwar verkaufen, aber nur in staatlich festgelegtem Umfang und zu Tiefstpreisen. Um auf trinkbares Grundwasser zu stoßen, muss stellenweise mehr als 500 Meter tief gebohrt werden, oft stößt man nur auf stark salzhaltiges ungenießbares Wasser.

Ganze Regionen sind schon versteppt wie am Khabour.Aus der Türkei kommend war er der wichtigste Zufluss des Euphrat in Syrien und die Lebensader eines intensiv genutzten Landwirtschaftsgebietes. Seit ca. vier Jahren sitzen 30.000 Menschen buchstäblich auf dem Trockenen. Ihr Trinkwasser erhalten sie mit Tankwagen. Der Preis dafür ist rein symbolisch. Zur landwirtschaftlichen Nutzung darf das Wasser allerdings nicht verwendet werden.

Die Ursache für diese Katastrophe formuliert der syrische Direktor für internationale Wasserbelange Dr. Abdul Aziz Almasri vorsichtig so:

„Seit 5 Jahren leiden wir in Syrien unter einer extremen Trockenheit. Gleichzeitig hat unser freundlicher Nachbar, die Türkei, sehr viele Brunnen gebohrt, die die  Quellen des Khabours ausgetrocknet haben. Es sind also sowohl der fehlende Regen, als auch die vielen Brunnen, die für das Austrocknen des Khabours verantwortlich sind.“ 

Seit das Wasser aus türkischen Quellen immer spärlicher auf natürlichem Weg hierher kommt, wird es auch in Nestle „pure Life“ Plastikflaschen verkauft.  Was knapp ist, hat seinen Preis. Das Nestle-Wasser ist ein Jointventure mit dem türkischen Multikonzern Koc.

Auch die türkische Wasserbehörde  DSI  findet am Verkauf von Wasser nichts Verwerfliches. „Wir möchten dieses Wasser an all unsere Nachbarn verkaufen, auch an Griechenland. - Griechenland  hat im Sommer auf einigen Inseln Wasserknappheit. Jeder, der Wasser braucht, kann es kaufen.“ 

4. Der Ilisustaudamm am Tigris wird gebaut

 

a ) Zerstörung archäologischer Schätze

Was für Syrien der Euphrat,  ist der Tigris für den Irak. Noch gelangt das Wasser weitgehend ungehindert in das Nachbarland. Jetzt soll mit dem Ilisu-Staudamm kurz vor der irakischen Grenze die zweitgrößte Talsperre des GAP-Projekts errichtet werden. Dann wird es möglich sein, diesen Wasserhahn für den Irak jederzeit zu kontrollieren.

Geplant ist, mit dem Ilisustaudamm das Tal bis zu den Berghängen zu überfluten. Mindestens 52 Dörfer und Kleinstädte werden versinken. Mit dabei das historische Städtchen Hasankeyf. Einst eine wichtige Handelsmetropole, an der Kreuzung alter Karawanenwege zwischen Indien, China und dem Mittelmeer. Der Ort gilt als Wiege assyrischer, kurdischer und seldschukischer Kultur. Eine der ersten islamischen Lehranstalten ist hier zu finden.  Die erhaltene Brücke aus dem 13. Jahrhundert war lange die höchste ihrer Art und die einzige Überquerung des Tigris. 

Gegen die Flutung dieses Tals hat sich in den letzten Jahren eine einzigartige internationale Protestbewegung formiert, sodass sich 2001 einzelne europäische Firmen aus dem Baukonsortium zurückgezogen haben. Selbst die Weltbank hatte eine Finanzierung des Projektes abgelehnt. Die türkische Wasserbehörde und der österreichische Multikonzern VA-Tech halten am Staudammbau aber eisern fest.

Vor ca. 40 Jahren wurden die ersten Pläne dafür entwickelt. Seither ist keine Lira  in die Infrastruktur dieser Region geflossen, jede Entwicklung wurde hier im Keim erstickt. Die Bewohner verharren seit einer Generation in einem permanenten Wartezustand – niemand wagt sich etwas größeres aufzubauen – denn morgen könnte es schon heißen: Ihr müsst weg, das Tal wird geflutet. 

Das Tal ist arm. Der Alltag ist hier für die Frauen schwer und mühselig. Erwerbsmöglichkeiten gibt es im Tigristal eigentlich nur in der Landwirtschaft – und da sind hauptsächlich die Frauen tätig. Es gibt einige, die sich vielleicht mit den Versprechen auf eine hohe finanzielle Entschädigung beruhigen lassen, weil sie auf ein einfacheres Leben und eine bessere Zukunft in der Stadt hoffen. Allerdings spricht die Umsiedlungs - und Entschädigungspolitik am Euphrat eine ganz andere Sprache. Aber davon wissen die Menschen im Tigristal noch nichts.

Link siehe: unzureichende Entschädigung

 

b ) Soziale Folgen für die Region

Die nahegelegene Regionshauptstadt Batman lehnt den Staudammbau aus tiefstem Herzen ab. Die Stadt platzt schon aus allen Nähten seit dem Flüchtlingsstrom aus 15 Jahren militärischer Aggression zwischen türkischen Militärs und der kurdischen PKK. Über 2 Millionen Inlandsflüchtlinge haben sich über die Städte der Region verteilt. Eine Arbeitslosenquote von offiziell 70% begleitet den Zusammenbruch der Tabakindustrie. Die Ölraffinerie ist der einzig größere Arbeitgeber der Region. In den Schulen sitzen jetzt schon bis zu 100 Kindern in einer Klasse, es mangelt an ausreichenden universitären und technischen Lehranstalten, an Wohnraum und Trinkwasserver-bzw. Abwasserentsorgung etc.....Mehrere 10.000 Menschen zusätzlich würden den Tiegel in einer Region zur Explosion bringen, die gerade in jüngster Zeit wieder von Unruhen und militärischen Auseinandersetzungen zermürbt wird.  

Die sozialen, ökologischen und politischen Konsequenzen auch dieses Staudammes wird Europa mitzuverantworten haben - vor allem die Regierungen von Österreich und Deutschland. Ohne ihre Exportbürgschaften wird  hier niemand bauen. .......

Wasser eine Waffe. Wasser eine Ware. Wasser ein Menschrecht ? 

Mit diesen Sätzen hört der Film 2003 auf – bis jetzt hat er von seiner Aktualität nichts einbüßt. Denn genau an dieser Stelle befinden wir uns jetzt. Link: siehe NEWS.