Das Südostanatolische Staudammprojekt
(GAP)
Das Länderdreieck Türkei, Syrien, Irak.
Die
biblischen Ströme Euphrat und Tigris sind grenzübergreifende Flüsse.
Ihre Quellen haben sie im Anatolischen Hochland, im Osten der Türkei.
Der Euphrat fließt durch den türkischen Südosten bzw. Kurdistan,
durchquert Syrien und den Irak bevor er zusammen mit dem Tigris, der
den Irak von Norden nach Süden durchquert hat, in den Persischen Golf
mündet. Für Syrien und den Irak sind die beiden Flüsse die wichtigsten
Wasserressourcen zur Stromerzeugung, Bewässerung und
Trinkwasser-versorgung. Hier wurden auch die ersten Staudämme errichtet
Vor
ca.30 Jahren begann die Türkei eines der größten Wasserkraft -und
Bewäs-serungsprojekte der Welt am Oberlauf der beiden Flüsse zu
realisieren. Der Atatürkstaudamm am Euphrat ist das Herzstück des 40
Staudämme umfassenden Megaprojektes an den Haupt-und Nebenflüssen von
Euphrat und Tigris. Der Atatürkstaudamm wurde nach dem Keban und dem
Karakaya gebaut. Es folgten der Birecik und direkt an der syrischen
Grenze der Karkamis. Am Tigris entstanden parallel weitere
Stauprojekte. An der Grenze zu Syrien und Irak soll das Projekt mit
dem Ilisukraftwerk vollendet werden. Der offizielle Masterplan sieht
vor, 1,7 Mio. Hektar Land für eine exportorientierte Landwirtschaft zu
bewässern, unabhängig von ausländischen Stromimporten zu werden bzw.
eine bis dato völlig vernachlässigte Region, hauptsächlich bewohnt von
Kurden und Arabern, in eine industrielle Moderne zu katapultieren.
Kemal
Atatürk, der legendäre Staatsgründer, entwickelte die Idee vom „See der
Menschlichkeit“. Geburtshelfer und Vater des GAP ist Süleyman Demirel,
der knapp 40 Jahre lang als Minister- und Staatspräsident der
mächtigste Politiker der Türkei war. „ Dieses wunderbare Projekt am
Euphrat wird für den Wohlstand und die Glückseligkeit in der Türkei
sehr viel beitragen.“
Die GAP-Stauämme wurden in einer Zeit
errichtet, als in dieser Region ein unerbittlicher Krieg gegen die
kurdische PKK geführt wurde.
Als letzter wichtiger Baustein
am Euphrat wurde 2001 der Birecikstaudamm in Betrieb genommen. Gebaut
und finanziert von einem internationalen Konsortium unter der Leitung
der deutschen Philipp Holzmann AG. 15 Jahre lang werden den Investoren
feste Einnahmen aus der Energieproduktion garantiert. Finanzielle
Risiken sind durch Exportbürgschaften der deutschen, französischen,
oesterreichischen und Schweizer Regierungen abgesichert.
1. Unzureichende Entschädigung der
Bevölkerung
Die
Kosten für Enteignung und Umsiedlung der betroffenen Anwohner sollte
der türkische Staat übernehmen. Für den Birecikstaudamm wurden zwischen
1998 und 2000 nach und nach 47 Dörfer und Kleinstädte geflutet; 30.000
Menschen aus ihren angestammten Siedlungsplätzen vertrieben. Die
überwiegend kurdischen Dorfgemeinden aufgelöst, viele Familien
getrennt. Seit Jahrhunderten hatten die Menschen in dieser von der
Moderne abgeschnittenen Region gelebt, auf sich allein gestellt, im
Einklang mit der Natur. Hier gediehen Aprikosen, Pflaumen, Feigen,
Nüsse, Pistazien, Oliven und verschiedene Getreidesorten auf
fruchtbarer Erde. Die Ernte wurde verkauft bzw. für den Eigenbedarf
genutzt. Die Entschädigungs-zahlungen bezogen sich aber nicht auf den
Erwerbsausfall, sondern allein auf die Grundstücksgröße, die im
Katasteramt eingetragen war. Bei der Entschädigungs-beantragung
erwartete dann viele Familien eine schreckliche Überraschung: Das Land,
auf dem sie seit Generationen ackerten war gar nicht auf ihren Namen
eingetragen, sondern gehörte irgendwelchen Großgrundbesitzern, die sie
bis dato niemals gesehen hatten.
Bei Anderen fiel die
Schätzung des Grundstückes zu gering aus. „ Keiner hat mehr als 3.100
Euro Entschädigung bekommen. Es gab hier Häuser mit großen
Grundstücken, 1000qm und mehr– dafür gab’s dann 950 Euro, manchmal
sogar nur 560 Euro.“
In unzähligen Gerichtsverhandlungen
fanden Neubewertungen der betroffenen Ländereien statt und eine
gerechtere Kompensationseinstufung – aber die türkische Regierung
zahlte einfach nicht.
Auch wurden die Auszahlung der
Entschädigungen nicht wie von der türkischen Regierung versprochen VOR
der Flutung des Tales und im vollen Umfange überwiesen. Ganze Dörfer
hat das ins Elend gestürzt, denn die Bewohner hatten ihre Häuser noch
nicht verlassen, als schon die Wasserfluten über ihre Schwellen
schwappten.
Die erste Rate der staatlichen Entschädigung
hatten die meisten dann schon nach vier Monaten ausgegeben. Auf die
zweite und dritte Rate warten viele noch heute und wahrscheinlich noch
lange. Sechmus, Anwalt in Urfa vertritt viele durch den Atatürkstaudamm
Vertriebene, die bislang kaum Entschädigung erhalten haben - also seit
15 Jahren.
Gar nicht entschädigt wurden Besitzer von Häusern
am Rand des Stausees, die nicht geflutet wurden, obwohl niemand mehr
dort wohnen kann bzw. die Grundfeste der Bauten mit der Zeit
durchweichen und die Mauern langsam absacken.
Die neuen Siedlungsplätze liegen hoch
oben auf den kahlen Felsen des ehemaligen
Euphrattales,
wo keine Landwirtschaft oder andere Erwerbszweige möglich sind. Die
vormalig selbstständigen Fischer und Bauern müssen sich jetzt als
Saisonarbeiter auf den Plantagen der Großgrundbesitzer verdingen, die
durch Staudamm und bessere Bewässerung ihrer Ländereien die
unmittelbaren Gewinner sind.
Vergrößerte Armut, rapides
Absinken des Lebensstandards, 70% Arbeitslosigkeit, ein Leben ohne
funktionstüchtige sanitäre Anlagen oder regulärem Zugang zu frischem
Trinkwasser sind Konsequenzen, die bisher jeden Staudammbau begleitet
haben. In allen Häusern auf den Berggipfeln sitzt tiefe Verzweiflung
über die Perspektiv-losigkeit dieser Situation.
Deshalb
suchen andere Vertriebene in größeren Städten der Region ihr Glück.
Also an Orten, wo es schon seit Beginn des Krieges gegen die PKK zu
viele Menschen, aber zu wenig Unterkünfte und Arbeit gibt. In
bäuerlichen Traditionen aufgewachsen, als ungelernte Landarbeiter und
zumeist Analphabeten haben die Staudamm-vertriebenen wenig Chancen. Die
Frauen schälen 10 Std. am Tag in Heimarbeit Pistazien und die Kinder
gehen Schuhe putzen – das sind oft die einzigen Einkommensquellen.
Ob
Batman, Diyarbakir, Sanliurfa oder Gaziantep - überall vergrößert sich
der Ring der Gececondas. Die Bürgermeister dieser Städte fürchten
deshalb jedes neue Staudamm-Projekt.
2. Falsche Bewässerungsmethoden
a )
mit Konsequenzen für die Natur
Große Hoffnungen wurden geweckt, als der 26 Kilometer lange
Sanliurfa-Tunnel eröffnet wurde. Seither kann Wasser vom
Atatürkstaudamm bis in die Harranebene geleitet werden - eine zwar
fruchtbare aber extrem dürre Region, die bis an die Grenze zu Syrien
reicht. Mit diesem Wasser soll hier der Garten Eden entstehen.
Mustafa H.Aydoğdu, Regionaldirektor,
GAP-Verwaltung Urfa
„Allein durch die Bewässerung werden die landwirtschaftlichen
Erträge um 445 % anwachsen, die Erträge pro Hektar um 209%. Für 3,
800.000 Millionen Menschen werden wir Arbeitsplätze schaffen.“
Vor der künstlichen Bewässerung wurden hier wassergenügsames
Getreide, Linsen und Kichererbsen für den heimischen Bedarf angebaut.
Große Einnahme-steigerungen waren damit nicht zu erzielen. Deshalb
zahlt der Staat Prämien für den Anbau von Baumwolle, einer Produktion
für den Export. Mittlerweile wird auf 90% der gesamten bewässerten
Fläche Baumwolle angebaut. Die hier praktizierte offene
Kanal-Bewässerung führt aber zu einer zunehmenden Versalzung des
Bodens. Bei den extrem hohen Temperaturen verdunstet ein Großteil des
Wassers und zurück bleibt das Salz. Schon heute betrifft das ca. ein
Sechstel der bewässerten Fläche. Wenn sich diese Praxis nicht ändert –
z.B. durch Tropfenbewässerung oder den weniger durstiger Agrarprodukte
- sind die Ackerböden der Harranebene in ca.15 Jahren versalzen.
Bei offener Kanalbewässerung verdunsten in diesen ariden Gebieten
ca. 60% des Wassers, bei der Tropfenbewässerung kommen 90% des Wasser
der Pflanze zugute. Tropfenbewässerung ist aber kostspielig, weil
Arbeitskräfte intensiv. Obwohl es der türkischen Regierung nicht an
Erfahrung fehlte – in einem der größten Anbaugebiete, der
Sucurowaebene, wurden mit immensem Finanzaufwand die versalzten Böden
wieder reaktiviert – gingen sie in der Harranebene nicht anders vor.
Ein schnell sichtbarer Erfolg des Projektes war der damaligen
Ministerpräsidentin Tansu Çiller weit wichtiger. Das hat sie gemeinsam
mit vielen UmweltignoranTinnen der Welt, denn 70% des weltweit
verfügbaren Süßwassers wird in die Landwirtschaft gepumpt.
In der Ebene unweit der syrischen Grenze leben vor allem Kurden und
Araber. Die große Mehrheit sind Landlose, die sich als Saisonarbeiter
oder Pächter verdingen. Von Mai bis Oktober leben und arbeiten sie mit
der ganzen Familie auf dem gepachteten Feld . Am Ende erhalten sie
30-40% des Ernteertrages, von dem ihnen seit einiger Zeit aber kaum
noch etwas übrig bleibt. Denn durch die riesigen Wasseroberflächen der
Stauseen und des bewässerten Landes hat sich merklich die
Luftfeuchtigkeit erhöht - was von den zuständigen staatlichen Behörden
auch nicht abgestritten wird - mit katastrophalen Folgen für Natur und
Mensch. Der Vorsitzender der Landwirtschaftsingenieurskammer in Urfa: „
Früher floss der Euphrat in einem engen Bett nach Syrien. Nach der
Stauung ist er der drittgrößte See in der Türkei. Durch die damit
verbundene Verdunstung haben sich die Pflanzenkrankheiten ausgebreitet
und das beeinflusst die Erträge. In der Harranebene gibt es jetzt
alles, was wir schon von anderen bewässerten Gebieten kennen – alles
von der weißen Fliege über die rosa Raupe, die grüne Raupe, die
stachelige Raupe, bis zu Tripsin.“
Im verstärkten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sehen die Bauern
die einzige Möglichkeit der neuen Bedrohung zu begegnen. Was allerdings
ihren Verdienst erheblich schmälert und das versickernde Drainagewasser
Grundwasser und Flüsse verseucht.
b )
mit Konsequenzen für den Menschen
Dr.Ethem Şahin ist praktischer Arzt und Vorsitzender der
Gesundheitsgewerkschaft. Er arbeitet in der Regionshauptstadt Urfa.
Seit den Staudammbauten registriert er die Entstehung von Krankheiten,
die es früher in dieser Region nicht gab. Wie z.B. Malarija und
Bilharziose, eine gefährliche Wurmkrankheit und typisch für bewässerte
Gebiete. Epidemische Ausbreitung dieser Krankheit gibt es z.B. seit
vielen Jahren in Syrien entlang des Euphrats und besonders in Ägypten
entlang des Nils. Durch unzureichende hygienische Verhältnisse
gelangen die Erreger über die Abwässer in den allgemeinen Wasser- und
Ernährungskreislauf. Eine tickende Zeitbombe, wenn nicht rechtzeitig
notwendige Untersuchungen und Medikamentierungen vorge-nommen werden.
2002/2003 finden sich im Trinkwasser eine hoher Messwert von
Salmonellen, Typhus und Paratyphuserreger. Auch Erreger von Ruhr, von
blutigem Durchfall. 90% der Krankheitsfälle haben ihre Ursache in der
schlechten Wasser-qualität. Im Einzugsbereich seiner Klinik liegt die
Kindersterblichkeit bei ca.15%.
Die aufgezählten Folgen kommen nicht etwa überraschend für die
Behörden, sondern wurden schon bei der Erstellung des Masterplanes zum
GAP – Projekt ausgeführt wie auch deren Bekämpfung mittels
Spezialkliniken für Tropen-krankheiten. Allerdings wird man erst dann
zur Lösung dieser Fragen schreiten, wenn auch der letzte Staudamm, der
Ilisustaudamm am Tigris, fertiggestellt ist – ca. 2013......! Denn dann
beginnt die Phase für Kultur und Soziales laut Mustafa H.Aydoğdu,
Regionaldirektor der GAP-Verwaltung in Urfa.
Wurden die GAP-Stauseen wirklich für
die Menschen in dieser Region gebaut?
Eser Karakaz, Ökonomieprofessor der Bahçeşehir Universität in
Istanbul vertritt die Ansicht, dass die Investitionen des GAP allein
politisch motiviert waren. Man wollte die wichtigsten Wasserquellen
Iraks und Syriens in die Hände bekommen.
Als politisches bzw. militärisches Druckmittel?
3. Nichteinhaltung der internationalen Vereinbarungen
zu grenzübergreifender Flüssen
Nach internationalem Recht sind die detaillierte Vorhab-Information
und Konsultation flussabwärts gelegener Staaten aber grundlegende
Prinzipien für Projekte an grenzüberschreitenden Flüssen. Sie sind als
festes Gewohnheitsrecht zu betrachten, das sich in einer Vielzahl von
Verträgen, einschließlich Abkommen zwischen der Türkei und ihren
Nachbarstaaten, widerspiegelt. Sowohl in der ESPOO-Konvention über
Umweltverträglichkeitsprüfungen in grenzüberschreitendem Kontext als
auch in der UN-Konvention über die nicht-schiffbare Nutzung
grenzüberschreitender Wasserwege sowie in Urteilen des Internationalen
Gerichtshofes und dem bilateralen Freundschaftsvertrag zwischen der
Türkei und dem Irak von 1946 wurden diese Prinzipien weiter
kodifiziert. Auch die Weltbank-Richtlinien, die als internationaler
Standard, den die Türkei anzuwenden versprochen hat, anzusehen sind,
beinhalten diese Prinzipien.
Ein weiteres Prinzip bei der Regelung internationaler Flüsse ist das
der gleichberechtigten Nutzung durch alle Anrainer. Dies wurde vom
Internationalen Gerichtshof z. B. 1997 in einem Schiedsspruch
bekräftigt. Verschiedene Äußerungen von offizieller türkischer Seite
zeigen jedoch, dass die Türkei den Alleinanspruch auf die Quellen des
Euphrat und Tigris erhebt. So erklärte Staatspräsident Demirel z. B.:
"Mit dem Wasser ist es wie mit dem Öl. Wer an der Quelle des Wassers
sitzt, hat ein Recht darauf, das ihm niemand streitig machen kann."
Mit
Konsequenzen für Syrien
Während des Golfkriegs von 1991 reduzierte die Türkei z. B. den
Wasserzufluss zum Irak. Wiederholt drohte die Türkei Syrien mit dem
Stauen des Wassers, bzw. setzte Verhandlungen über die Höhe der
Durchflussmengen aus, sollte Syrien der PKK weiterhin Zuflucht
gewähren. Dies hat mehrfach kriegerische Auseinandersetzungen zwischen
der Türkei und Syrien in greifbare Nähe gerückt. Auch wenn die Türkei
eine Mindestmenge Wasser in die Nachbarländer zusichert, ist nicht
auszuschließen, dass sie im Konfliktfall auf das Erpressungspotential
des Staudamms zurückgreift.
Vor dem Bau des Birecikstaudammes habe Syrien als auch der Irak
Protestschreiben an die beteiligten Firmen geschickt. Dennohne das
Wasser des Euphrat kann Syrien nicht leben. Im Vergleich zur Türkei ist
es ein extrem wasserarmes Land. Was in der türkischen Harranebene als
niedrigste Niederschlagsmenge gilt, ist nur ein paar Kilometer weiter
südlich hinter der türkisch – syrischen Grenze die höchste. Seit die
türkischen Staudämme errichtet wurden, hat Syrien schon knapp die
Hälfte des Euphratwassers eingebüßt,. Für die Durchfluss-menge auf
diesem Niveau, gibt es zwar eine quantitative Zusicherung der Türkei,
aber nur als Jahresdurchschnitt. Gerade im Sommer, wenn der türkische
Südosten bewässert wird, bekommt Syrien zu wenig, um die eigenen Felder
ausreichend zu bewässern.
Der Euphrat versorgt die Hälfte der Bevölkerung mit Trinkwasser.
Die bewässerten Äcker längs des Flusses sind das Kernstück der
syrischen Landwirtschaft. Hier wachsen Mais, Weizen, Gerste und sogar
Reis und die extrem durstige Baumwolle. Da Syrien auch auf Export
setzt, sollen künftig die Anbauflächen auf das Doppelte ausgeweitet
werden. Doch schon jetzt sind die syrischen Bewässerungsprojekte am
Euphrat gefährdet. Wenn zuwenig Wasser aus der Türkei kommt - liegen
die Pumpen trocken. Die Flüsse, die aus der Türkei nach Syrien fließen,
sind stark belastet. In ihnen sammeltsich das Drainagewasser der
türkischen Harranebene sowie städtische und industrielle Abwässer. Den
syrischen Bauern bleibt nichts anderes übrig als das verseuchte und
salzige Drainagewasser auf ihre Felder zu pumpen mit der Konsequenz,
dass die angebauten Pflanzen verkümmern. Wenn dieses salzige Wasser
weiterhin über mehrere Jahre benutzt wird, ist der Boden nicht mehr
anbaufähig.
Das Salz auf syrischen Feldern kommt jedoch nicht nur aus der
türkischen Harran-ebene. Seit alters her ist die Landwirtschaft hier
auf künstliche Bewässerung angewiesen. Schon vor Christi Geburt kannte
man den Beruf des Salzkehrers.
Auch hier wird die offene Kanalbewässerung praktiziert, was dazu
geführt hat, dass heute schon 22% der Böden versalzen sind. Da aber
kaum andere Böden kultiviert werden können, wird das Salz mit viel
Wasser aus der Erde herausgewaschen und in den Euphrat zurückgeleitet
zum nächsten Nachbarn flussabwärts, in den Irak.
Aber der Grundwasserspiegel ist in Syrien dramatisch abgesunken.
Seit kurzem wird der Bau von „wilden“ Brunnen strafrechtlich streng
verfolgt. Wer eine Quelle auf eigenem Grund besitzt, darf das Wasser
zwar verkaufen, aber nur in staatlich festgelegtem Umfang und zu
Tiefstpreisen. Um auf trinkbares Grundwasser zu stoßen, muss
stellenweise mehr als 500 Meter tief gebohrt werden, oft stößt man nur
auf stark salzhaltiges ungenießbares Wasser.
Ganze Regionen sind schon versteppt wie am Khabour.Aus der Türkei
kommend war er der wichtigste Zufluss des Euphrat in Syrien und die
Lebensader eines intensiv genutzten Landwirtschaftsgebietes. Seit ca.
vier Jahren sitzen 30.000 Menschen buchstäblich auf dem Trockenen. Ihr
Trinkwasser erhalten sie mit Tankwagen. Der Preis dafür ist rein
symbolisch. Zur landwirtschaftlichen Nutzung darf das Wasser allerdings
nicht verwendet werden.
Die Ursache für diese Katastrophe formuliert der syrische Direktor
für internationale Wasserbelange Dr. Abdul Aziz Almasri vorsichtig so:
„Seit 5 Jahren leiden wir in Syrien unter einer extremen
Trockenheit. Gleichzeitig hat unser freundlicher Nachbar, die Türkei,
sehr viele Brunnen gebohrt, die die Quellen des Khabours ausgetrocknet
haben. Es sind also sowohl der fehlende Regen, als auch die vielen
Brunnen, die für das Austrocknen des Khabours verantwortlich sind.“
Seit das Wasser aus türkischen Quellen immer spärlicher auf
natürlichem Weg hierher kommt, wird es auch in Nestle „pure Life“
Plastikflaschen verkauft. Was knapp ist, hat seinen Preis. Das
Nestle-Wasser ist ein Jointventure mit dem türkischen Multikonzern Koc.
Auch die türkische Wasserbehörde DSI findet am Verkauf von Wasser
nichts Verwerfliches. „Wir möchten dieses Wasser an all unsere Nachbarn
verkaufen, auch an Griechenland. - Griechenland hat im Sommer auf
einigen Inseln Wasserknappheit. Jeder, der Wasser braucht, kann es
kaufen.“
4. Der Ilisustaudamm am Tigris wird
gebaut
a ) Zerstörung archäologischer Schätze
Was für Syrien der Euphrat, ist der Tigris für den Irak. Noch
gelangt das Wasser weitgehend ungehindert in das Nachbarland. Jetzt
soll mit dem Ilisu-Staudamm kurz vor der irakischen Grenze die
zweitgrößte Talsperre des GAP-Projekts errichtet werden. Dann wird es
möglich sein, diesen Wasserhahn für den Irak jederzeit zu kontrollieren.
Geplant ist, mit dem Ilisustaudamm das Tal bis zu den Berghängen zu
überfluten. Mindestens 52 Dörfer und Kleinstädte werden versinken. Mit
dabei das historische Städtchen Hasankeyf. Einst eine wichtige
Handelsmetropole, an der Kreuzung alter Karawanenwege zwischen Indien,
China und dem Mittelmeer. Der Ort gilt als Wiege assyrischer,
kurdischer und seldschukischer Kultur. Eine der ersten islamischen
Lehranstalten ist hier zu finden. Die erhaltene Brücke aus dem 13.
Jahrhundert war lange die höchste ihrer Art und die einzige Überquerung
des Tigris.
Gegen die Flutung dieses Tals hat sich in den letzten Jahren eine
einzigartige internationale Protestbewegung formiert, sodass sich 2001
einzelne europäische Firmen aus dem Baukonsortium zurückgezogen haben.
Selbst die Weltbank hatte eine Finanzierung des Projektes abgelehnt.
Die türkische Wasserbehörde und der österreichische Multikonzern
VA-Tech halten am Staudammbau aber eisern fest.
Vor ca. 40 Jahren wurden die ersten Pläne dafür entwickelt. Seither
ist keine Lira in die Infrastruktur dieser Region geflossen, jede
Entwicklung wurde hier im Keim erstickt. Die Bewohner verharren seit
einer Generation in einem permanenten Wartezustand – niemand wagt sich
etwas größeres aufzubauen – denn morgen könnte es schon heißen: Ihr
müsst weg, das Tal wird geflutet.
Das Tal ist arm. Der Alltag ist hier für die Frauen schwer und
mühselig. Erwerbsmöglichkeiten gibt es im Tigristal eigentlich nur in
der Landwirtschaft – und da sind hauptsächlich die Frauen tätig. Es
gibt einige, die sich vielleicht mit den Versprechen auf eine hohe
finanzielle Entschädigung beruhigen lassen, weil sie auf ein
einfacheres Leben und eine bessere Zukunft in der Stadt hoffen.
Allerdings spricht die Umsiedlungs - und Entschädigungspolitik am
Euphrat eine ganz andere Sprache. Aber davon wissen die Menschen im
Tigristal noch nichts.
Link siehe: unzureichende Entschädigung
b ) Soziale Folgen für die Region
Die nahegelegene Regionshauptstadt Batman lehnt den Staudammbau aus
tiefstem Herzen ab. Die Stadt platzt schon aus allen Nähten seit dem
Flüchtlingsstrom aus 15 Jahren militärischer Aggression zwischen
türkischen Militärs und der kurdischen PKK. Über 2 Millionen
Inlandsflüchtlinge haben sich über die Städte der Region verteilt. Eine
Arbeitslosenquote von offiziell 70% begleitet den Zusammenbruch der
Tabakindustrie. Die Ölraffinerie ist der einzig größere Arbeitgeber der
Region. In den Schulen sitzen jetzt schon bis zu 100 Kindern in einer
Klasse, es mangelt an ausreichenden universitären und technischen
Lehranstalten, an Wohnraum und Trinkwasserver-bzw. Abwasserentsorgung
etc.....Mehrere 10.000 Menschen zusätzlich würden den Tiegel in einer
Region zur Explosion bringen, die gerade in jüngster Zeit wieder von
Unruhen und militärischen Auseinandersetzungen zermürbt wird.
Die sozialen, ökologischen und politischen Konsequenzen auch dieses
Staudammes wird Europa mitzuverantworten haben - vor allem die
Regierungen von Österreich und Deutschland. Ohne ihre
Exportbürgschaften wird hier niemand bauen. .......
Wasser eine Waffe. Wasser eine Ware.
Wasser ein Menschrecht ?
Mit diesen Sätzen hört der Film 2003 auf – bis jetzt hat er von
seiner Aktualität nichts einbüßt. Denn genau an dieser Stelle befinden
wir uns jetzt. Link: siehe NEWS.
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